​Lovecrafter #0

von: Blackdiablo

Ich halte gerade den 0. Lovecrafter in meinen Händen und möchte meine Eindrücke in einer Rezension vermitteln. Er umfasst 'nur' 56 Seiten. Im Vorhinein wurde kommuniziert, dass es sich um einen Testballon handelt, wovon man in der Aufmachung (wie erwartet) nichts merkt: das vollfarbige Layout ist herausragend, die Papierqualität außerordentlich und das Format hebt sich angenehm von CR ab. Da weiß man, in was man seine fast 10 Euro (für Mitglieder natürlich weniger) investiert. Kann auch der Inhalt überzeugen?

Es handelt sich um herzenswarme Worte an die Leserschaft und eine gelungene Einführung in das Magazin, das hoffentlich viele Jahre bestehen wird. Teils waren mir die Worte ein wenig zu wohlig, aber mindestens in der Vereinsseite präsentiert Volker viele nötigeInformationen rund um den Verein für Uneingeweihte, die ich für unverzichtbar halte.

Ein elegant informatives Gespräch zwischen Clemens und Philipp, den Schöpfer der Encyclopaedia Necronomica. Geballte Hintergrundgeschichten zum Entstehungsprozess werden mit einigen persönlichen Fragen gewürzt. Sehr schön. Ein gutes Interview erkennt man daran, dass die Fragen gestellt werden, die man selber gestellt hätte, und eine gute Antwort bekommt. Ich hatte mich selber vorher über den irreführenden Titel des Werkes gewundert - denn der Anspruch auf eine wissenschaftliche Enzyklopädie lässt sich schlicht nicht realisieren, wenn man nur eine Auswahl von Texten behandeln kann. Dabei sind Philipps Worte jedoch eine Erleuchtung und haben meine falschen Erwartungen ein wenig zerstreut.

Ich muss leider zustimmen, dass die Umsetzung dieser tollen Idee verbesserungswürdig ist. Die Form ist super, das Layout vermittelt die Freude und den Enthusiasmus aller Beteiligten - der Text jedoch weniger. Selbst für eine Krankenakte eines Geistesgestörten ist das zu fragmentarisch und inkohärent, um es vollends nachvollziehen zu können. Dann hätte ich lieber einen frischgeschriebenen Erfahrungsbericht ohne Gimmick gewünscht. Vielleicht mit einer ausgedehnten Fotostrecke.

Das Abenteuer ist ein psychologisches Kammerspiel, das den Mythos fast komplett ausklammert und dafür 'gewöhnliche' Menschen in den Fokus setzt. Eine Prise Magie intensiviert das Konfliktpotenzial und reißt es zu keinem Zeitpunkt an sich. Kann das funktionieren? Selbstverständlich! Der Aufbau ist grandios strukturiert: purer Luxus für das ermüdende Auge des Spielleiters. Hier ist eine Übersichtsbox, dort Kurzübersichten, die Handlung ist in Stichpunktabsätzen notiert, Namen sind fett markiert, ein Beziehungsnetz der Charaktere … Wow. Muss ich mehr sagen? Ja! Es gibt sinnvolle Spielleitertipps, kleine Zettelhandouts für Spielerinfos, fantastische Charakterbögen … Kein Wunsch bleibt offen. Ich bin begeistert. Ich habe das Gefühl, da hat sich über die Jahre von CR wirklich eine nahezu perfekte Form entwickelt, ein Abenteuer kurz und prägnant zu präsentieren.

Kleiner - winzigkleiner Wermutstropfen: Die Stabiverluste wären nicht wirklich nötig gewesen; sonst wurden ja auch keine Würfe angegeben. Ich wäre die Schiene einer Freeform bis zum Ende gefahren. Aber, ja, sie tun keinem weh. Übrig bleibt pure Begeisterung.

Dies ist der Artikel, der mich am meisten gereizt hat, und er hat nicht enttäuscht. Wiederum sehr gut platzierte Fragen. Obwohl mehrere Leute interviewt wurden, hat mich das zu keinem Zeitpunkt gestört. Ich habe viel über die Arbeit des Verlages erfahren und bin umso gespannter auf dessen weiteres Schaffen.

Ein angenehm flüssiger Essay über Lovecraft und seine heutige Aktualität - ironischerweise am Beispiel eines mehr als 30 Jahre alten Films. Hm. Wäre das das einzige, was mich stutzig macht: Der Autor wäre in der Tat besser beraten gewesen, Huan Vus Die Farbe zu untersuchen, dann wäre er nicht in Erklärungsnot gekommen (auf die er allerdings selber hinweist).1) Herber West - Reanimator steht eben nicht stellvertretend für Lovecrafts kosmisches Grauen und bietet höchstens einen Vorgeschmack auf das subtile kosmische Grauen, das Lovecraft später so erpicht ist zu erzeugen. Auch dessen scheint sich der Autor bewusst zu sein. Natürlich bildet Gordons Verfilmung trotzdem einen Kontrast, aber auf den scheint der Autor gar nicht aus zu sein: das Fazit lautet, so oder so, NEIN! Lovecraft ist noch zeitgemäß. Ich stimme natürlich zu. Ob eine filmische Adaption möglich sei? Vielleicht - wir wissen es nicht. Schade.

Deswegen weist der Essay sinnvolle, gute Versatzstücke auf, die jedoch nicht ganz sinnvoll zusammengefügt sind. Das größte Problem aber bleibt: weder die Verfilmung noch die Kurzgeschichte behaupteten je, für Lovecraft stellvertretend zu sein, und sind aus diesem Grund von vorneherein kaum geeignet, die Frage sinnvoll zu beantworten. Ich halte Die Farbe zwar für keinen guten Film, hätte ihn und die Kurzgeschichte jedoch als Grundlage empfohlen. Nicht nur ist die Verfilmung zeitgemäßer; die Kurzgeschichte repräsentiert zudem exzellent den verderblichen Einfluss kosmischer Kräfte auf das Individuum, das Lokale und ja vielleicht auch die Welt.

Dennoch ist der Essay wirklich flüssig geschrieben, der Ansatz gut, die Zusammenführung eben verbesserungswürdig. Bitte nicht entmutigen lassen! Wenn, dann lag es an der Umsetzung dieses speziellen Themas. Ich würde gerne mehr davon lesen.

Lohnt sich das Heft für stolze 10 Euro? Ich bin geneigt, ja zu sagen. Zwar ist das Magazin arg kurz geraten, dafür wissen die meisten Inhalte zu überzeugen. Das Abenteuer bildet wohl den qualitativen Höhepunkt. Die Richtung ist abgesteckt: ein bisschen (aber nicht ganz) weg vom Rollenspiel, hin zur Person Lovecraft und seinen Einfluss. Ich würde mir mehr experiementierfreude wünschen, natürlich mehr Inhalte (das ist schon versprochen worden) und mehr Rubriken. Gebt eine erste Richtung vor, dann fügen sich Leute ein, die etwas verfassen möchten. Ich denke an Rezis, Vorstellungen, Fiktion und Erfahrungsberichten. Ich habe nun eine grobe Idee davon bekommen, wohin die Reise gehen soll und werde euch als Käufer (und womöglich gar als Mitwirkender) treu bleiben.2)


1)
Immerhin hat er auf From Beyond verzichtet.
2)
Nicht zuletzt, weil ich Mitglied im Verein bin. Haha.
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  • Zuletzt geändert: 25.10.2016 00:10 Uhr
  • von blackdiablo