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​Edward Bulwer-Lytton

Der 1. Baron Lytton wurde als Sohn des General William Earle Bulwer in Baker Street, London geboren. Seiner Mutter Elizabeth Barbara Lytton fiel er als neurotisches Kind mit durchwachsener Schullaufbahn zur Last. Seine Begabung für die Schreibkunst zeigte sich jedoch bereits in früher Jugend, mit 15 Jahren publizierte er erste Gedichte.

Seine Jugend entsprach weniger der Standesherkunft. Er studierte zwar in Cambridge und bekleidete einen Rang in der royalen Armee, diente jedoch nie aktiv und kümmerte sich zu Studienzeiten eher um Privatdrucke seiner Verse. Zeitweise wich er nach Paris aus. Sein Vater verstarb früh und mit seiner Mutter brach er, um die Irin Rosina Doyle Wheehler zu ehelichen. Mit ihr führte er eine turbulente Ehe, die durch seine Untreue und ständige Geldknappheit geprägt war, sodass es zuletzt zur Scheidung kam. Seine Mutter hatte jedwede Unterstützung aus dem Familienvermögen stets abgelehnt. Auch verbitterte Rosina die Tatsache, dass Bulwer jede freie Minute nicht ihr widmete, sondern am Schreibpult verbrachte. Neben der Tätigkeit als Schriftsteller befleißigte er sich einer vorzeigbaren politischen Karriere. So saß er zehn Jahre für die Liberalen und später weitere 14 Jahre für die Konservativen im Unterhaus, bekleidete kurz das Amt des Kolonialministers und wurde nach Abschluss seiner Laufbahn in den britischen Hochadel aufgenommen. Aber auch dieser Berufsweg wurde dann und wann von Krisen geschüttelt, als er zum Beispiel seine frühere Gattin in ein Irrenhaus einweisen ließ, um sie an der Weitergabe sensibler Informationen bezüglich seiner Person zu hindern. Bulwer-Lytton starb 1873 vermutlich an einer durch einen Abszess am Ohr ausgelösten Hirnhautentzündung. Beigesetzt ist er in Westminster Abbey.

Bulwer-Lytton wird als Autor heute zwiespältig gesehen. Zu Lebzeiten war er einer der erfolgreichsten und meistgelesenen Literaten in seiner Heimat, der zeitweise an die Absatzzahlen eines Charles Dickens heranreichte. Sein zweiter Roman „Pelham oder: Abenteuer eines Gentleman“ erschien 1828 und macht ihn zum gefeierten Mann. Geschrieben unter Schuldendruck, schildert der Baron im Buch schlicht seine eigenen – allerdings fiktionalisierten - Erlebnisse zwischen Pariser Bohème und akademischer Elitenschmiede, wobei die Sache dann in eine Freundschafts- und Kriminalgeschichte mündet. Obgleich heute obskur, wird der Roman dennoch oftmals als bestes Werk Bulwers genannt – wenn auch kritische Konkurrenten wie William Makepeace Thackeray Vorwürfe in der Hinsicht formulierten, Bulwer sei ein „Meister des silver-fork-Romans“; jener Dandyliteratur also, die inmitten sozialer Problemlagen die Attitüden der Oberschicht zur Schau trage und sich in bürgerlichen Belanglosigkeiten ergehe. Der Roman sanierte ihn dennoch finanziell und fortan wurde er von Verlagen per Vorschuss bezahlt. Er stieg in der Gunst der Leser, sein „Paul Clifford“ verursachte 1830 gar einen kleinen Skandal, da Bulwer hier einen diebischen Briganten als Protagonisten nutzte. Später ließ er einen Mörder im Mittelpunkt eines Romans stehen, wofür er wiederum vom moralischen Establishment harsch kritisiert wurde. In seiner Zeit als Politiker verließ er allerdings das fiktionale Terrain zuweilen und griff mit ins politisch-soziale Zeitgeschehen ein, bspw. mit dem national-kulturellen Rundumschlag „England and the English“. Weitere wichtige Werke waren der historische Roman „Pompejis letzte Tage“ (1834) und die Proto-Science-Fiction „Das Geschlecht der Zukunft“ (1871).

Edward Bulwer-Lytton war zu Lebzeiten und auch noch einige Jahre nach seinem Tode ein Bestseller, ein für die viktorianische Zeit prägender Autor – heute ist er größtenteils vergessen. Er hat in seinen Romanen geflügelte Worte geprägt – u.a. „die Feder ist mächtiger als das Schwert“ – und er muss heute Pate stehen für den schlechtesten Anfangssatz eines Romans, nämlich: „Es war eine dunkle und stürmische Nacht…“; Bulwer beginnt sein Skandalbuch „Paul Clifford“ damit und seitdem wird dieser Start als Paradebeispiel für blumig-pathetische Prosa herangezogen. Bis heute rettet sich auch die Legende, Bulwer sei Logenbruder und okkulter Geheimbündler gewesen. Tatsächlich schrieb er einen Roman über die Rosenkreuzer, als ihn der britische Ableger jedoch zu einem Patron erklärte, war er wenig erfreut und beschwerte sich postalisch. Es ist nicht belegbar, dass der Baron Lytton esoterischen Aktivitäten nachging. Okkulte Studien trieb er in einer romantischen Belustigung, wie es zu seiner Zeit durchaus Usus war. Tatsächlich kann seine Denkrichtung eher einem dogmatischen Christentum mit Hang zur Schulmeisterlichkeit zugeordnet werden, wie S. T. Joshi anhand zweier Romane Bulwers gezeigt hat. Eine weitere Kuriosität bildet sich um seine für die SF nicht unwichtige dystopische Satire „Das kommende Geschlecht“. Diese machte ihn posthum zum Stifter einer rechtsextremen Verschwörungstheorie: Die Legenden um die deutsche Vril-Gesellschaft fußen auf Bulwers Roman, in welchem eine unterirdisch lebende Rasse die sog. „Vril-Kräfte“ beherrscht. In Deutschland hatte Arno Schmidt die Bedeutung Bulwers im 20. Jahrhundert erstmals wieder betont, wobei dies nicht den Konsens abbildet, denn andernorts wurden seine Werke durchaus als „heutzutage unverdaulich“ (Mary Hottinger) bezeichnet und auch Lovecraft war nicht zur Gänze überzeugt. Ohne weniger angetan von den Viktorianern, geißelt er in seinem bekannten Großessay die „schwülstige Rhetorik“ Bulwers und prangert den „hohlen Romantizismus“ an, räumt dann allerdings auch den Bulwers Geschichten durchaus innewohnenden „bizarren Zauber“ ein und zählt „Das Haus und das Hirn“ zu den wohl besten Geisterhausgeschichten. Diese klassische Schauergeschichte dürfte heute Bulwers bekanntes Kurzwerk sein, allerdings eher anzutreffen unter dem gefälligeren Titel „Das verfluchte Haus“ (im Original „The Haunted and the Haunters or The House and the Brain“, 1859). Sie lässt sich auch dann und wann als „Das verfluchte Haus in der Oxford Street“ finden (das zum Vorbild genommene Haus stand indes am berühmten Berkeley Square). Wie Joshi vermerkt, gestand Lovecraft den viktorianischen Autoren durchaus eine gewisse „Verve“ zu, letztlich waren sie für ihn aber bloßes Phänomen, eine „Nachwirkung der Einflüsse Poes“. Auch Joshi selbst heftet zumindest die Romane des Engländers unter „unlesbar“ ab. Aber natürlich muss eine gewisse Bewunderung für den ach so schwülstigen Stil Bulwers bei Lovecraft konzediert werden, denn schließlich setzte er dessen Imaginationsvermögen in „Dagon“ ein Denkmal, und auch S.T. ist geneigt, zumindest mit Blick auf die Kurzprosa dem englischen peer eine „geschliffene Handwerkskunst“ zu attestieren. Dort lobt er wiederum besonders „Das verfluchte Haus“ als ästhetisch formvollendet.

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  • Zuletzt geändert: 23.09.2018 22:04 Uhr
  • von black_juju